„Wenn du Angst hast, tanz.“ Zehn Jahre Jakobsweg – und das, was wirklich bleibt
„Liebe Yvonne, nach vielen Jahren möchte ich dir heute von Herzen danken!!! Du hast mich mit deiner kurzen Bemerkung über den portugiesischen Jakobsweg zu einem der schönsten Erlebnisse in meinem Leben inspiriert! DANKE!!! Ich konnte bislang mit dem etwas esoterischen Sinnspruch: „Der Weg ist das Ziel“ offen gesagt nicht wirklich etwas anfangen – aber dieser Weg hat viel mehr mit mir gemacht und in mir ausgelöst, als ich mir je vorstellen konnte! Also nochmals: DANKE!!!“
Diese Nachricht erhielt ich vor ein paar Tagen von einem ehemaligen Kollegen. Lächelnd habe ich sie ein paarmal gelesen und überlegt, wann wir denn über dieses Thema gesprochen haben mögen. Ehrlicherweise weiß ich es nicht mehr wirklich – und irgendwie ist das auch egal. Berührt hat mich in dem Moment viel mehr, dass ich ohne es zu ahnen, jemanden einfach mit dem, was ich für mich getan habe, inspirieren konnte. Und natürlich blieb dabei nicht aus, dass ich in Gedanken auf meinen Jakobsweg zurückgegangen bin.
Genau heute vor zehn Jahren bin ich in Santiago de Compostela angekommen. Während es gerade noch geregnet hat, zieht der Himmel auf, als ich staunend, ehrfürchtig und auch stolz vor der Kathedrale stehe.
Neben mir stehen Menschen, die ich immer wieder auf dem Weg traf und die mir so sehr ans Herz gewachsen sind. Es ist die internationale Pilgergruppe, die ich beim Anstieg zum Alto da Portela Grande kennenlernte. Wir kamen miteinander ins Gespräch und dann tat ich etwas, das ich normalerweise nie mache. Ich zeigte mich verletzlich und sprach einfach aus, was mich so sehr beschäftigt: dass ich Angst vor dem Abstieg habe. Nicht ein bisschen, sondern riesige Angst. Es kostete mich große Überwindung, darüber zu sprechen, aber es fühlte sich gut an. Sofort sagt jemand: „Dann gehst du eben mit uns.“ So einfach kann es sein. So selbstverständlich. Völlig anders, als ich es erwartet hätte.
Und so wurde es eine gemeinsame Etappe. Eine Amerikanerin zeigte mir die richtige Stockhaltung für steile Abstiege. Zwei Schottinnen liefen voraus, drehten sich immer wieder um und warteten geduldig. Ich hatte das Gefühl, emotional getragen zu werden. Zum ersten Mal fühlte ich mich nicht allein mit meiner Angst.
Die letzten Meter ging ich mit Gon aus den Niederlanden. Sie sagte etwas zu mir, das mich tief berührte: „Yvonne, wenn du Angst hast, tanz.“ Wir begannen, gemeinsam über die Steine zu springen und zu tanzen. Die Angst verschwindet nicht, aber sie verändert sich. Sie gehört nicht mehr nur mir. Sie ist geteilt – und damit leichter.
Und wieder ist es Gon, die nun an der Kathedrale neben mir steht. Nach einer kurzen Verschnaufpause gehen wir in die ehrwürdige Kathedrale hinein. Sie zeigt mir liebevoll, wie man die uralte Statue des Jakobus berührt. Ich lege meine Hand auf den kalten, glatten Stein und spüre tiefe Dankbarkeit durch mich hindurchfließen. Dankbarkeit für diesen unglaublichen Weg. Dankbarkeit für all die wertvollen Begegnungen. Dankbarkeit für mich selbst.
Danach wird es etwas lustig. Wir wollen eine Kerze anzünden – als symbolischen Akt, als Verbindung zu etwas Größerem, und natürlich für mich als Erinnerung an meinen verstorbenen Mann. Doch hier geht alles nur elektrisch und wir haben keine Ahnung, wie viele Münzen wir benötigen, damit zwei der Lichter angehen. Also werfen wir all unser Kleingeld in den Automaten und werden mit einem Lichtermeer überrascht.
Das hätte Heinz gefallen – auch wenn es nur einen kurzen Moment andauerte.
Es sind die vielen kleinen Erlebnisse und Begegnungen, die den Weg so bedeutsam und unvergesslich gemacht haben.
Neulich fragte mich eine Freundin: „Was hat dieser Weg wirklich aus dir gemacht – rückblickend, mit zehn Jahren Abstand?“
Auf die Frage habe ich gar nicht so wirklich eine Antwort. Natürlich war das der Start in mein neues Leben. Wenige Monate später habe ich das Unternehmen, in dem ich 25 Jahre angestellt war, verlassen und mich in die Selbständigkeit gewagt – und da hat der Weg unfassbar viel mit mir gemacht.
Doch letztlich war es etwas ganz anderes. Was mich rückblickend am meisten berührt, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Ich bin jeden Tag aufgestanden und weitergelaufen. Die müden Beine, die Blasen an den Füßen, das Knirschen im Knie – das war alles da. Aber aufhören war keine echte Option. Ich hatte ein Bild vor Augen – die Kathedrale in Santiago de Compostela und ich davor. Das hat getragen. Auch an den Tagen, an denen der nächste Stempel noch Stunden entfernt war.
Und ich bin zutiefst davon überzeugt: Wenn das Ziel klar ist und es ein starkes „Wofür“ gibt, dann ist es leichter weiterzugehen und Hürden zu nehmen. Das mag wie ein Kalenderspruch klingen. Aber ich weiß, dass es genauso ist. Weil ich es erlebt habe.
Und irgendwie macht mich das gerade sehr froh.
Ich bin gerade selbst in einer Strugglephase. Einer, in der die Richtung nicht so klar ist, wie ich es mir wünsche. Und ich spüre genau, was das mit mir macht. Das Weiterlaufen fühlt sich anders an, wenn das Ziel noch verschwommen ist.
Der Jakobsweg erinnert mich daran, dass ein klares Ziel das Wichtigste ist, was ich mir geben kann.
Ich such es gerade noch. Aber ich kenne das Gefühl, wenn es sich zeigt.
Was ist gerade dein Weg? Und kennst du dein „Wofür“ schon?
Alles Liebe, Deine Yvonne
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Dein Buch habe ich schon gelesen.
Sehr interessant. Ich war vor 5 Jahren pilgern. Yoga und Tanzen habe ich auch für mich entdeckt.
Es gibt so viele Parallelen.