Was passiert, wenn wir unsere Geschichten teilen
Ein paar Wochen ist meine Lesereise jetzt schon wieder her. Drei Lesungen in drei Städten. Und noch immer sortiere ich, was diese Tage mit mir gemacht haben.
Autorin sein. Das klingt für mich immer noch ein bisschen fremd. Vor gar nicht so langer Zeit hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal mit meinem eigenen Buch im Koffer durchs Land fahre. Und dann war es so weit.
Köln – Was von einer Lesung bleibt
Den Anfang machte die Bücherei Heilige Drei Könige in Köln-Rondorf. Ich habe vom Jakobsweg erzählt, vom Loslassen, von der Angst und von all den kleinen ersten Schritten, die irgendwann zu diesem Buch geführt haben.
Das Schönste kam danach. Die Menschen haben mir erzählt, was sie von der Lesung mitnehmen: Nichts mehr aufschieben. Sich vom Ballast befreien. Für sich selbst eintreten. Mutig sein.
Da hatte ich Gänsehaut. Genau dafür habe ich dieses Buch geschrieben.
Und ich muss gestehen: Ich bin immer noch ganz geflasht, wenn sich jemand mein Buch signieren lässt. Jedes Mal wieder. Dieser kleine Moment, in dem ich einen Namen schreibe und weiß, dass meine Geschichte jetzt bei diesem Menschen weiterlebt.
Wuppertal – Wenn aus Geschichten Gespräche werden
In Wuppertal saßen wir im Studio Herzfrisch von Sabine Ickler in einer kleinen, sehr vertrauten Runde. Es gab portugiesische Sardinen und Vinho Verde, und zwei Frauen, die denselben Portugiesischen Jakobsweg gegangen sind, wenn auch ganz unterschiedlich. Ich mit Tagebuch, Sabine mit Skizzenbuch.
Schnell ging es um viel mehr als den Jakobsweg. Als meine Verlegerin Anja Kuhn und ich begannen, Geschichten aus unserem Leben zu erzählen, passierte etwas Schönes. Auch die anderen fingen an, von sich zu sprechen. Von ihren Erfahrungen und den Dingen, die sie beschäftigt haben. Menschen, die sich teilweise vorher gar nicht kannten, teilten auf einmal sehr persönliche Erlebnisse miteinander. Ich fand es erstaunlich, wie vertraut sich dieser Abend anfühlte.
Mich berühren die Geschichten anderer Menschen oft mehr als Bücher, die mir erklären wollen, wie das Leben in sieben Schritten gelingt. Weil ich mich darin wiedererkenne. Weil ich sehe, dass jemand anderes auch Angst hatte und trotzdem losgegangen ist.
Und an diesem Abend habe ich es wieder erlebt: Wenn einer anfängt, sich zu zeigen, trauen sich die anderen auch.
Gummersbach – Ein Bild wird wahr
Die letzte Lesung der Woche war bei Thalia in Gummersbach, wieder gemeinsam mit Anja.
2019 habe ich meine eigene Grabrede geschrieben. Darin habe ich ein Bild beschrieben, das ich seitdem in mir trage: Ich sitze in einer Buchhandlung, mitten zwischen den Regalen, und die Menschen hören mir zu. Damals gab es noch kein Buch von mir, noch nicht einmal eine konkrete Idee dazu.
An diesem Abend bei Thalia saß ich genau in meinem Bild. Wieder so ein Moment, in dem ich selbst kaum glauben konnte, was da gerade passiert.
Ich habe diesmal andere Kapitel gelesen als sonst, mehr biografisch und der Reihe nach. Ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher, ob das funktioniert. Das Publikum war an diesem Abend eher still und zurückhaltend.
Doch dann, nach der Lesung, kamen sie zu mir.
Eine 70-jährige Frau sagte: „Das ist ein Coaching-Buch. Das schenke ich meiner Tochter.“ Ihre Tochter hatte an diesem Tag ihren letzten Arbeitstag, bevor sie freigestellt wurde. Für sie beginnt jetzt ein neuer Weg. Ich musste schlucken, denn genau so hat meiner damals auch begonnen.
Eine andere Frau erzählte mir von ihrem Traum, sich selbstständig zu machen. Sie weiß ganz sicher, dass es in zwei Jahren so weit ist. Wir haben darüber gesprochen, wie wichtig es ist, ein starkes Wofür zu haben. Eines, das uns hilft, weiterzugehen, wenn es schwierig wird und vielleicht auch die Angst kommt.
Und eine junge Frau war zum allerersten Mal bei einer Lesung. Sie erzählte mir, wie sehr sie der Gedanke berührt hatte, Dinge anzugehen und nicht auf den richtigen Zeitpunkt zu warten. Den gibt es nämlich nie.
Vielleicht erkennst du dich in einer von ihnen wieder.
Danach hat Anja aus ihrem Buch gelesen. Und während ich ihr zuhörte, wurde mir etwas bewusst: Wären unsere beiden Lebensgeschichten anders verlaufen, hätten wir an diesem Abend vermutlich nicht gemeinsam in Gummersbach gesessen.
Kennengelernt haben wir uns über unsere Podcasts. Als Anja im Mai 2025 erzählte, dass sie einen Verlag gegründet hat, war das für mich der Funke. Am nächsten Tag habe ich ihr eine Sprachnachricht geschickt.
Und 17 Monate später saßen wir da. Zwei Frauen mit ihren eigenen Geschichten, die sich irgendwann begegnet sind und nun gemeinsam aus ihren Büchern lesen.
Schon verrückt, welche Wege das Leben manchmal nimmt.
Was ich mitnehme
Ich nehme viel mit aus dieser Woche. Vor allem die Begegnungen und die Geschichten, die mir anvertraut wurden.
Ich habe mein Buch geschrieben, weil ich meine Erfahrungen teilen wollte. Weil ich hoffe, dass andere Menschen darin etwas entdecken, das sie ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen.
Auf dieser Lesereise habe ich erlebt, was daraus werden kann. Menschen beginnen, von sich zu erzählen. Sie erinnern sich an längst vergessene Wünsche oder erkennen etwas in ihrer eigenen Geschichte wieder. Und manchmal wird daraus ein Gespräch, das weit über den Inhalt meines Buches hinausgeht.
Und noch etwas habe ich gemerkt. Wenn ich heute vor Menschen sitze und aus meinem Buch lese, ist da eine tiefe innere Ruhe. Und ganz viel Freude. Ich weiß gar nicht genau, wann das gekommen ist. Es ist einfach gewachsen, von Lesung zu Lesung. So wie manches im Leben, das wir erst bemerken, wenn wir einmal zurückschauen.
Danke an alle, die diese Abende möglich gemacht haben: an Barbara Roecher und das Team der Bücherei in Köln-Rondorf, an Sabine Ickler und das Studio Herzfrisch, an Kristina Oberlinger von der Thalia Gummersbach und an Anja Kuhn, die mich durch diese ganze Woche begleitet hat.
Und an jeden einzelnen Menschen, der zugehört, gefragt und etwas von sich geteilt hat.
Und du? Welche Geschichte trägst du in dir, die es wert wäre, erzählt zu werden?
Alles Liebe
Yvonne
P.S. Apropos Geschichten teilen: Gerade ist eine neue Geschichte von mir erschienen. „Glaubst du an den Weihnachtsmann?“ steht in der Anthologie „Zwischen Wunschzettel und Weihnachtszauber“ aus dem Lebensgeschichten Verlag. Es geht darum, wovor ich an Weihnachten jahrelang davongelaufen bin. Und was ich dabei über mich gelernt habe.
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Wenn du magst, schreib mir. Vielleicht wird deine Geschichte Teil eines der nächsten Artikel.
Und wenn du mehr über meinen Weg lesen möchtest, findest du mein Buch hier oder in der Buchhandlung deines Herzens.
Liebe Yvonne,
deine Lesereise war ganz wunderbar!
Ich habe sie mit großer Freude organisiert und begleitet.
Um das Buch mehr Menschen vorzustellen.
Um dich als Autorin zu zeigen. Um Begegnungen möglich zu machen, die weiter reichen, als einen Abend.
Einen Punkt hast du noch vergessen: die Momente, als Zuhörerinnen um ein Foto mit dir gebeten haben.
Auf das, was noch kommt!
Darauf freue ich mich auch sehr – das Abenteuer Hörbuch wartet als nächstes auf mich.
Und ja, das stimmt – die Fotos mit den Zuhörerinnen waren auch noch etwas ganz besonderes 🙂