Was ich über Trauer gelernt habe

von | März 31, 2026

Diagnose Hirntumor. Krebs. 17 Monate später war ich allein.

Das steht auf dem Buchrücken meines Buches und ehrlich – das ist nicht einfach. Weder für mich, dies zu schreiben, noch für die Menschen, die mein Buch in die Hand nehmen. Ich erlebe, wie sie es umdrehen, den Klappentext lesen und es dann doch wieder weglegen. Als wäre es zu schwer, zu traurig, einfach viel zu viel.

Niemand will ein Buch lesen, das einen runterzieht. Niemand will freiwillig in die Trauer eines anderen Menschen eintauchen. Ich höre davon, wie erleichtert die Leser sind, wenn sie die Seiten 24 bis 46 meines Buches geschafft haben, weil es einfach hart ist, sich mit Krankheit und Tod auseinanderzusetzen, weil das Mitgefühl sie überschwemmt, vielleicht auch, weil sich Hilflosigkeit gegenüber solchen Situationen ausbreitet.

Aber vielleicht ist es genau deshalb wichtig, darüber zu schreiben. Weil wir zu wenig über Trauer sprechen. Der Tod ist so ein Thema, das in Deutschland ausgeklammert wird. Als gehörte er nicht dazu. Als könnten wir ihn wegschieben, wenn wir nur lange genug nicht darüber reden.

Aber er gehört dazu.

Mein Mann war anderthalb Jahre krank. Ich dachte, ich könnte mich vorbereiten. Aber als es dann passierte, war es trotzdem hart. Ich dachte jeden Morgen: Warum geht diese verdammte Sonne wieder auf?

Am Anfang hat mich gerettet, dass ich funktionieren konnte. Dass es viele Dinge zu tun gab. Die Beerdigung organisieren. Papiere erledigen. Menschen anrufen. Ich bin relativ schnell wieder arbeiten gegangen. Was andere nicht verstanden haben. Aber es war meine Form, mit der Trauer so umzugehen, dass ich sie aushalten konnte.

Ich weiß noch, dass es Menschen gab, die nicht zur Beerdigung gekommen sind. Weil sie gesagt haben, sie können das nicht. Oder Menschen, die sich aus meinem Leben rausgeschlichen haben. Weil sie glaubten, sie können mit einer Witwe nicht umgehen.

Und ich merke das heute noch, dreizehn Jahre später. Dass Menschen zusammenzucken, wenn ich darüber spreche. Als wäre der Tod etwas, das man nicht laut aussprechen darf.

Als dann alles erledigt war – die Beerdigung vorbei, die Papiere sortiert, alles wieder an seinem Platz – da brach es so richtig über mir zusammen. Ich saß heulend vor meiner Haustür im Auto. Das Leben ging weiter. Nur meins nicht – dachte ich damals.

Das erste Jahr war schlimm. Darüber habe ich auch im Buch geschrieben.

Vermeintlich schlaue Menschen sagen: Irgendwann ist es vorbei. Dann spürst du die Trauer nicht mehr. Es wird schon alles wieder gut.

Richtig gut wird’s nie mehr.

Aber aus Trauer wird Wehmut. Eine Kombination aus Freude über das, was gewesen ist, und Traurigkeit über das, was jetzt nicht mehr ist.

„Über sieben Brücken musst du gehen – sieben dunkle Jahre überstehen.“ Ich dachte, am siebten Todestag wäre es geschafft. Jetzt ist es gut, dachte ich. Aber das war der Tag, der mit am schlimmsten gewesen ist.

Wir hatten damals auf der Beerdigung ein Lied von Silly gespielt. „Wenn ich Sonnenblumen seh“. An diesem siebten Todestag habe ich das gefühlt den ganzen Tag gehört und war noch mal tief in meiner Trauer.

Und trotzdem ist es heute für mich völlig okay, dass es so ist, wie es ist.

Der Moment, wo sich etwas verändert hat, war, als ich festgestellt habe, dass der Tod meines Mannes wenigstens zu etwas gut gewesen ist. Nämlich mich neu zu orientieren. Mir die Frage zu stellen: Was will ich in meinem Leben noch erleben, damit ich am Ende sagen kann, es war ein erfülltes Leben? Weil Lebenszeit kostbar ist.

Ich habe vier Jahre gebraucht, bis ich eine Veränderung vorgenommen habe. Aber dann habe ich mein Leben einmal komplett umgekrempelt. Und heute bin ich Lebensmutmacherin. Ich ermutige andere Menschen, durch schwierige Zeiten hindurchzugehen.

Manchmal schaue ich in den Himmel und denke: „Stimmst, du bist ein bisschen stolz auf mich. Für das, was da gerade läuft.“

Falls du gerade trauerst aus welchem Anlass auch immer. Nicht immer ist es der Tod, der uns traurig werden lässt: Nimm dir die Zeit, die sich für dich stimmig anfühlt.

Es gibt kein Richtig. Es gibt kein „Du musst jetzt langsam mal weitermachen“. Es gibt nur dein Tempo. Und das darfst du haben.

Die Trauer wird sich verwandeln. Nicht verschwinden. Aber verwandeln.

Und vielleicht – irgendwann – wirst du feststellen, dass sie nicht mehr den ganzen Raum füllt. Dass da auch wieder andere Dinge Platz haben. Neue Dinge. Schöne Dinge.

Ich glaube, dass der Tod ein Stück weit Bestandteil unseres Lebens werden darf. Dass er einfach dazugehört. Und dass wir ihn annehmen dürfen – als Teil von dem, was Leben ausmacht.

Deshalb schreibe ich darüber. Deshalb steht es auf dem Klappentext. Um zu zeigen: Danach geht es weiter. Anders. Aber weiter.

Was trägst du gerade mit dir, das sich schwer anfühlt?

Alles Liebe, Deine Yvonne

PS: Am 1.April 2026 lese ich 17 Uhr in der Leselounge von Thalia Leipzig Alleecenter. Gemeinsam mit meiner Moderatorin Astrid Waitz werden wir auch über dieses Thema sprechen.

Wenn du magst, schreib mir. Vielleicht wird deine Geschichte Teil eines der nächsten Artikel.
Und wenn du mehr über meinen Weg lesen möchtest, findest du mein Buch hier oder in der Buchhandlung deines Herzens.

Alles Liebe
Deine Yvonne