Kennst du das? Du gibst dir Mühe, meinst es von Herzen gut – und beim anderen kommt trotzdem etwas ganz anderes an. Er fühlt sich übergangen, obwohl du dich gerade besonders bemüht hast. Genau dieses Rätsel begegnet mir immer wieder.

Heute zum Beispiel saß ich in einem 360-Grad-Feedback mit einer Führungskraft, und wieder einmal wurde mir vor Augen geführt, wie spannend dieser Moment ist, in dem zwei Bilder aufeinandertreffen: das Selbstbild und das Fremdbild. Wie sehe ich mich – und wie sehen mich die anderen – meine direkte Führungskraft, meine Mitarbeitenden, meine Kollegen?  Bei dieser Führungskraft klafften die beiden Bilder ganz schön auseinander.

Sie tut wirklich viel für ein gutes Miteinander, meint es ehrlich und will, dass es ihren Leuten gut geht. Nur kommt genau das bei den Mitarbeitenden nicht so an, wie es gemeint ist. Wir haben uns das gemeinsam angeschaut und ziemlich schnell wurde klar, dass es nicht am Wollen liegt, sondern daran, dass hier sehr unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinandertreffen. Was für den einen ein Zeichen von Wertschätzung ist, fühlt sich für den anderen nach zu viel oder zu wenig an. Kein böser Wille also – nur unterschiedliche Menschen.

In meinen Coachings arbeite ich oft mit einer Persönlichkeitsanalyse, die Menschen nicht in Schubladen sortiert, sondern sichtbar macht, welche inneren Antreiber uns Kraft geben und welche uns auslaugen, wenn wir sie übergehen. Und ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich meine eigene PLD-Auswertung zum ersten Mal gesehen habe. Ganz oben stand ein Wort, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Führung.

Mir wurde heiß. Führung? Ich saß damals in meinem Konzernjob, erfüllte Abläufe und lieferte Zahlen, hatte nie ein Team geleitet und nie Personalverantwortung gehabt. Alles in mir schrie: Das kann nicht stimmen. Mein Coach lächelte nur und sagte: „Führung ist viel mehr als Personalverantwortung. Führung heißt, Entscheidungen zu wollen, voranzugehen, Menschen mitzunehmen.“ Es hat eine ganze Weile in mir gearbeitet, bis ich verstand, dass ich Führung auf „Chef sein“ reduziert hatte, dabei ging ich längst voran und öffnete Räume, in denen andere ihren ersten Schritt gehen konnten.

Ich hatte mich selbst falsch gelesen. Und wenn wir schon uns selbst so schwer einschätzen können – wie viel schwerer ist es dann erst bei anderen?

Am spannendsten finde ich das ohnehin gar nicht im Job, sondern dort, wo wir uns nah sind. Mein Partner tickt in vielem ähnlich wie ich, das meiste passt einfach. Nur haben wir beide diese Ambivalenz zwischen Unabhängigkeit und Verbundenheit – wir brauchen beide Seiten. Meine Freiheit lebe ich immer wieder ganz selbstverständlich aus, und wenn er dann dasselbe tut, nur auf seine Art, irritiert mich das ehrlicherweise jedes Mal. Obwohl es genau das ist, was ich mir selbst so selbstverständlich nehme. Ich merke dann, wie schnell ich bei ihm „anders“ mit „falsch“ verwechsle – bei mir ist es Freiheit, bei ihm plötzlich Rückzug.

Bei einer sehr guten Freundin ist es fast umgekehrt. Wir sind wirklich unterschiedlich – sie hat ein hohes Sicherheitsbedürfnis, bei mir ist die Risikobereitschaft stark ausgeprägt – und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, verstehen wir uns so gut. Weil sie mir als Mensch wichtig ist, kann ich mich auf ihr Bedürfnis nach Sicherheit einlassen, ganz ohne es komisch zu finden. Ich darf es einfach ernst nehmen. Und genau da liegt für mich der Punkt.

Unsere Unterschiede können uns ergänzen – oder sie können verletzen. Eine sehr direkte und eine sehr sensible Person passen wunderbar zusammen, wenn die eine Rücksicht lernt und die andere Klarheit nicht sofort als Ablehnung deutet. Fehlt diese Bewegung, wird genau derselbe Unterschied zum Dauerkonflikt. Ähnlichkeit schafft Stabilität, Unterschiede schaffen Entwicklung, und gute Beziehungen brauchen wohl beides.

Vielleicht fällt dir gerade jemand ein – im Job, in der Familie, in deiner Beziehung. Jemand, den du innerlich für ein bisschen komisch hältst. Was, wenn dieser Mensch gar nicht komisch ist, sondern einfach anders? Und was, wenn du dir statt „Warum macht der das nur so?“ einmal die andere Frage stellst: Was braucht dieser Mensch gerade vielleicht von mir? Wie du das herausfindest? Am ehesten, indem du fragst – und wirklich zuhörst.

Wenn du mehr über meinen Weg wissen willst – wie ich mich selbst neu kennengelernt habe und wie aus all dem meine Arbeit als Lebensmutmacherin wurde – das alles steht in meinem Buch „Ich mach’s jetzt einfach“.

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Alles Liebe, Deine Yvonne

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