Warum alle Emotionen sein dürfen – auch die unangenehmen

von | Apr. 7, 2026

Letzten Donnerstag war es soweit – meine erste Live-Lesung. Ich bin froh, dass ich meine Freundin und Kollegin Astrid als Moderatorin an meiner Seite habe. Denn ehrlicherweise bin ich doch ganz schön aufgeregt.

Ich sitze vor 25 Menschen und lese aus meinem Buch.

Die Atmosphäre aus dem Publikum ist so wundervoll wohlwollend, dass es mir leichtfällt, mich zu öffnen. Ich spreche neben all den mutigen, freudvollen, neugierigen Momenten auch über meine Ängste, über meine Wut und über meine Trauer in den letzten 15 Jahren.

Und dann, gegen Ende fragt Astrid in die Runde: „Welchen Gedanken nehmt ihr heute mit nach Hause“.

Eine Antwort darauf berührt mich besonders:

„Es ist so entlastend zu hören, dass nicht alles immer positiv sein muss, wie Social Media es vorgaukelt. Dass alle Emotionen da sein dürfen.“

Ich halte kurz inne. Weil dieser Satz so viel auf den Punkt bringt. Wir leben in einer Welt, die uns ständig sagt: Sei dankbar. Sieh das Gute. Denk positiv. Lächle.

Auf Instagram sehen wir perfekte Momente. Auf LinkedIn lesen wir Erfolgsgeschichten. Überall wird uns vermittelt: Wenn du nur die richtige Einstellung hast, wird alles gut.

Und wenn es nicht gut wird? Dann hast du nicht genug positiv gedacht. Dann warst du nicht dankbar genug. Dann hast du nicht genug an dich geglaubt.

Aber was ist mit der Angst? Mit der Trauer? Mit den Zweifeln? Mit der Wut? Die haben keinen Platz. Die sind unangenehm, unbequem, störend.

Also drücken wir sie weg. Überschreiben sie mit positiven Affirmationen. Sagen uns: „Alles hat einen Sinn.“ „Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.“ „Sei dankbar für das, was du hast.“

Und dabei passiert etwas sehr Wesentliches: Wir verlieren den Kontakt zu uns selbst.

Ich habe das selbst erlebt. Jahrelang habe ich das Image der „starken Frau“ gepflegt – im Innen wie im Außen.

Und die Angst? Die Trauer? Die Zweifel?

Die waren da. Natürlich waren sie da. Aber ich habe sie weggedrückt. Überarbeitet. Überspielt. Bis ich nicht mehr konnte.

Bis ich auf dem Jakobsweg an einem Tag einfach nur noch geweint habe. Ohne Grund. Ohne Erklärung. Einfach, weil alles rauskommen musste, was ich so lange weggedrückt hatte.

Emotionen verschwinden nicht, wenn wir sie ignorieren.

Sie kommen an anderer Stelle wieder hoch. Als Erschöpfung. Als Gereiztheit. Als körperliche Symptome. Als plötzlicher Zusammenbruch.

Und vor allem: Wir verlieren unsere Authentizität. Wir funktionieren nur noch. Wir sind nicht mehr echt.

Auf dem Jakobsweg habe ich etwas gelernt, das mein Leben verändert hat.

Es war der Tag, an dem ich weinend auf meinem Bett saß und meinem Freund Heiko eine WhatsApp Nachricht schrieb, wie es mir gerade ging.

Seine Antwort wenige Minuten später war ein Geschenk:

„Liebe Yvonne, nun bekommt auch die Traurigkeit ihren Platz. Lade sie zu Dir ein und nimm sie an. Vielleicht zeigt sie Dir etwas, was Du bisher nicht beachtet hast oder beachten mochtest. Und wenn sie ihre Botschaft gesagt hat, macht sie Platz für etwas Neues.“

Emotionen sind Botschafter. Die Angst sagt: Pass auf, deine Sicherheit könnte in Gefahr sein. Die Trauer sagt: Du hast etwas verloren, das dir wichtig war. Nimm dir Zeit zum Abschiednehmen. Die Wut sagt: Hier wurde eine Grenze überschritten. Schau hin.

Und die Freude? Die sagt: Das hier ist gut. Mehr davon.

Wenn ich sie wegdrücke, verpasse ich ihre Botschaft. Wenn ich sie stattdessen einlade, können sie mir etwas zeigen. Emotionen sind wie Wellen. Sie kommen. Sie werden stark. Wenn ich sie durchfließen lasse, dürfen sie kommen – und gehen.

Bei meiner Lesung am Donnerstag war genau das spürbar: Ein Raum, in dem alle Emotionen sein durften.

Die Teilnehmerin, die sagte, dass es entlastend ist, nicht immer positiv sein zu müssen.

Die andere, die sagte, wie wichtig es ist, über den Umgang mit dem Tod zu sprechen.

Menschen, die ihre Ängste geteilt haben. Die gesagt haben: „Ja, ich kenne das und ich stelle mich dem.“

Und weißt du, was passiert ist? Es war nicht schwer. Es war nicht deprimierend. Es war nicht negativ. Es war einfach nur ehrlich. Und genau das war so berührend.

„Lass uns mal demaskieren und sehen, wir sind die Gleichen“ – so sagt es Julia Engelmann in ihrem Poetry Slam „One day Baby“. Und genau darum geht es.

Weil wir uns dabei erkennen – in unserer Menschlichkeit und mit all unseren Gefühlen.

Welches Gefühl darf nicht sein, weil du denkst: „Das ist zu negativ. Das will niemand hören. Das passt nicht.“? Was, wenn du ihm heute Raum gibst?

Alles Liebe, Deine Yvonne


P.S.: Danke an euch 25, die ihr Donnerstag da wart. Es war meine erste Lesung. Und ihr habt sie unvergesslich gemacht. 💛

Wenn du magst, schreib mir. Vielleicht wird deine Geschichte Teil eines der nächsten Artikel.
Und wenn du mehr über meinen Weg lesen möchtest, findest du mein Buch hier oder in der Buchhandlung deines Herzens.

 

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