„Einfach lebst“ – Eine Begegnung auf der Leipziger Buchmesse
Am Sonntag stand ich am Stand des Bundesverbandes junger Autoren auf der Leipziger Buchmesse und durfte mein Buch präsentieren. Zwei junge Frauen blieben stehen. Schauten auf mein Buch und nahmen es in die Hand.
Die eine sagte: „Ich lese bei Büchern immer zuerst das letzte Wort.“
Sie blätterte zur letzten Seite und las laut vor. „Nachhaltig lebst.“ Sie schaute mich an. „Interessant. Warum endet Ihr Buch damit?“
Ich musste lachen. Weil ich selbst noch nie bewusst auf diese beiden letzten Wörter geachtet hatte. „Nachhaltig lebst.“ – „Besser könnte man das Buch nicht zusammenfassen“ sagte ich.
Wir kamen ins Gespräch. Die beiden fragten mich, wie schwer es war, diese Geschichte aufzuschreiben. Die traurigen Teile. Die Momente, wo ich nicht wusste, wie es weitergeht. Den Tod meines Mannes. „Hatten Sie keine Angst, dass Menschen denken: Die ist ja total am Boden?“
Ich überlegte. „Doch“, sagte ich. „Aber noch mehr Angst hatte ich davor, dass Menschen sich allein fühlen mit genau diesen Momenten.“ Weil wir oft denken: Nur ich bin so verloren. Nur ich weiß nicht weiter. Nur ich sitze hier und halte die Scherben in den Händen. Aber das stimmt nicht.
Die junge Frau nickte. „Aber trotzdem“, sagte sie. „Krise als Chance – das klingt immer so… leicht.“
Ich musste wieder lachen. „Ja. Furchtbar, oder? Als würde man einmal durch eine schwere Zeit gehen und danach ist alles besser.“ Sie lächelte. „Genau das.“
„Eine Krise ist keine Chance“, sagte ich. „Zumindest nicht am Anfang. Am Anfang ist sie einfach nur: furchtbar. Ehrlicherweise habe ich mir am Anfang jeden Morgen die Frage gestellt „Warum um alles in der Welt geht diese Sonne einfach wieder auf“. Eine Krise tut weh. Sie wirft dich um. Sie lässt dich zweifeln, ob du das überhaupt schaffst.“ Ich machte eine Pause. „Aber sie zwingt dich, hinzuschauen. Auf das, was wirklich wichtig ist. Auf das, was du nicht mehr weitertragen kannst oder auch willst.“
Die andere Frau schaute mich an. „Und dann?“
„Dann habe ich aufgeräumt. Nicht nur meine Wohnung, sondern mein Leben.“ Sie nickte langsam. „Und das ist die Chance?“
„Nein“, sagte ich. „Die Chance ist, dass du anfangen kannst, anders zu leben. So, dass es trägt.“
Wir standen eine Weile schweigend da. Menschen gingen vorbei. Dann sagte die erste Frau: „Und was hat das jetzt mit ’nachhaltig lebst‘ zu tun?“
„Ich glaube“, sagte ich langsam, „es geht darum, so zu leben, dass du es lange aushalten kannst.“ Sie schaute mich fragend an.
„Nach dem Tod meines Mannes habe ich erst einmal weitergemacht wie zuvor. Ich bin arbeiten gegangen. Habe funktioniert. So getan, als wäre alles okay.“ Ich machte eine Pause. „Aber es hat nicht getragen. Ich bin innerlich immer mehr zusammengebrochen.
„Und dann?“
„Dann habe ich angefangen aufzuräumen. War auf dem Camino und habe meinen Job verlassen.
„Weil Sie wussten, was danach kommt?“
„Nein. Weil ich wusste: Das jetzt trägt nicht mehr.“
Die beiden nickten. „Und heute?“
„Heute lebe ich anders. Ich arbeite mit Menschen, die auch an diesem Punkt stehen. Ich schreibe. Ich erzähle meine Geschichte.“
Die junge Frau klappte das Buch zu. „Danke“, sagte sie. Ich gab ihr eine Karte von mir. „Falls ihr mal reinlesen wollt“, sagte ich. „Oder falls ihr euch fragt, was es mit diesen letzten beiden Wörtern wirklich auf sich hat.“ Sie lächelten. Gingen.
Ich stand da und dachte nach. Nachhaltig lebst. Zwei Wörter am Ende meines Buches, über die ich selbst noch nie nachgedacht hatte. Aber vielleicht sind es genau die richtigen.
Später, als der Trubel am Stand nachließ, kam eine Sorge hoch. Eine, die mich schon länger begleitet, die ich aber nicht laut ausspreche. Ich frage mich manchmal, ob der Klappentext die Menschen abschreckt. Hirntumor. Krebs. Tod. 17 Monate Kampf. Das steht da gleich am Anfang. Und ich merke, wie manche das Buch in die Hand nehmen, den Klappentext lesen und es dann doch wieder weglegen. Als wäre es zu schwer. Zu traurig. Zu viel.
Und ich verstehe das. Wirklich. Niemand will ein Buch lesen, das einen runterzieht. Niemand will freiwillig in die Trauer eines anderen Menschen eintauchen.
Aber genau deshalb ist es wichtig, es trotzdem zu tun. Weil dieses Buch nicht von Trauer handelt. Es handelt von dem, was danach kommt. Von der Frage: Was machst du, wenn alles zusammenbricht? Bleibst du stehen oder gehst du weiter? Und vor allem: Wie gehst du weiter, wenn du nicht weißt, wohin?
Das Buch ist kein Leidensbericht. Es ist eine Einladung. Eine Einladung, nicht stehenzubleiben. Eine Einladung, aufzuräumen. Eine Einladung, anzufangen – auch wenn du noch nicht weißt, wohin der Weg führt.
Heute Nacht, als ich nicht schlafen konnte, habe ich noch einmal darüber nachgedacht. Nachhaltig leben. Das klingt nach Müll trennen und Mehrwegbecher. Aber vielleicht bedeutet es auch: so leben, dass du morgens aufwachst und denkst: Ja. Das ist mein Leben. Und ich will es leben. Nicht perfekt und auch nicht immer glücklich, aber echt und langfristig tragfähig.
Ich weiß nicht, ob die beiden Frauen mein Buch lesen werden. Aber ich hoffe, sie erinnern sich an das Gespräch. An die Frage: Was trägt dich wirklich? Und an die Erlaubnis, aufzuräumen.
Wo in deinem Lebengibt es etwas, von dem du weißt: Das trägt mich nicht mehr?
Alles Liebe, Deine Yvonne