Wie nah kannst du einem anderen Menschen kommen, ohne dich selbst dabei zu verlassen?
Die Sonne steht hoch über Alice Springs. Diese trockene Hitze liegt in der Luft, die alles ein bisschen langsamer macht. Staub liegt in Luft und ein Hauch von Eukalyptus. Ich schlendere durch den botanischen Garten. Irgendwann bleibe ich stehen.
Der Himmel über mir ist ein klares, fast hartes Blau. Unter meinen Füßen diese rote Erde, die ich vorher nur von Fotos kannte. Dazwischen das Grün der Pflanzen. Die Farben wirken so intensiv, als hätte jemand einen Filter darübergelegt.
Ich schaue mich um und merke, dass ich plötzlich ganz still werde. Mir geht ein Lied durch den Kopf.
I’m traveling a day, I’m traveling a year. I’m traveling my lifetime to find my way home.
Ich stehe einfach da. Spüre die Wärme auf meiner Haut. Rieche die heiße Erde. In diesem Moment bin ich ganz bei mir.
Home is where my heart is.
Und genau dort ist es in diesem Moment auch.
Am nächsten Morgen fahre ich mit einer kleinen Gruppe ins Outback zum Ayers Rock. Zehn Menschen sind wir. Vier Pärchen, Douglas aus New York und ich. Phil, unser Reiseführer, fährt den Bus und hält uns bei Laune, während wir ewig lang geradeaus über holprige Straßen düsen.
Nach gefühlt endlosen Stunden Fahrt, taucht er endlich auf. Der Uluru, wie ihn die Aborigines nenen. Dieses warme Rot des Ayers Rock, das mit jedem weiteren Meter auf ihr zu tiefer wird.
Wir haben den besten Platz, sitzen einfach nur da und sehen zu, wie der Fels langsam aufglüht, bis die Sonne ihn der Nacht übergibt. Ist es die Stimmung oder eine andere Form der Anziehung: Douglas und ich kommen uns näher. So war das nicht geplant und trotzdem fühlt es sich gut an. Später rollen wir Beide als einzige unsere Swags draußen aus. Über uns ein Himmel voller Sterne, so dicht, wie ich ihn vorher noch nie gesehen habe. Die Nacht scheint viel zu kurz, Douglas und ich haben uns viel zu erzählen, gemeinsam zu lachen und Leichtigkeit zu genießen.
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns. Eine kurze Umarmung. Dann steigt er aus der Gruppe aus und fährt zum Flughafen. Er fliegt zu seiner Tochter nach Sydney.
Ich steige wieder in den Bus. Und irgendwo auf dieser Fahrt merke ich, dass etwas anders ist. Die Ruhe, die ich im botanischen Garten gespürt habe, ist weg.
Nicht wegen ihm. Die Begegnung war schön. Wochen später treffe ich Douglas sogar noch einmal in New York und wir verbringen dort eine gemeinsame Woche.
Aber etwas in mir hat sich plötzlich verschoben. Mein Blick geht nach außen. Ich beginne zu schauen, ob er sich meldet. Ob wir uns wiedersehen. Was er denkt. Was daraus werden könnte.
Und ohne dass ich es wirklich bemerke, bin ich nicht mehr dort, wo ich ein paar Tage zuvor im botanischen Garten gewesen war. Nicht mehr bei mir.
Heute, viele Jahre später, tut mir dieser Moment noch ein bisschen weh. Nicht wegen Douglas. Sondern weil ich damals etwas anderes verloren habe. Diese intensive Verbindung zu mir selbst.
Ich hätte mir gewünscht, ich hätte damals schon gewusst, dass beides möglich ist. Dass man Menschen begegnen kann, lachen kann, sich berühren lassen kann vom Leben – ohne sich selbst dabei zu verlassen.
Aber das wusste ich nicht. Ich dachte damals noch, man müsse sich entscheiden. Entweder Nähe oder bei sich bleiben. Heute sehe ich das anders.
Bei sich bleiben bedeutet nicht, die Welt draußen zu halten. Es bedeutet nur, immer wieder zurückzukommen. Zu diesem stillen Punkt in sich, an dem nichts bewiesen werden muss und niemand etwas von einem erwartet.
Manchmal finde ich diesen Punkt heute noch – einfach auf einem Spaziergang. Oder morgens mit einer Tasse Kaffee am Fenster. Und dann verliere ich ihn auch wieder. Vielleicht gehört genau das zum Leben dazu.
Im Buch schreibe ich über diesen Moment im botanischen Garten als den stärksten meiner Reise. Und das war er auch.
Aber was ich dort nicht erzähle, ist, was danach kam. Wie ich diesen Moment wieder verloren habe. Wie mein Blick nach außen ging.
Hier im Blog erzähle ich weiter. Von den Fragen, die offen geblieben sind. Von den Momenten, die mich bis heute beschäftigen.
Und eine Frage begleitet mich seit damals:
Wie nah kannst du einem anderen Menschen kommen, ohne dich selbst dabei zu verlassen?
Falls du darüber nachgedacht hast – schreib mir gern. Ich bin neugierig auf deine Gedanken.
Alles Liebe
Deine Yvonne
Liebe Yvonne,
ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit der IFS (inneres Familien System) Aus dieser Sicht würde ich diesen Augenblick so beschreiben das du im Selbst warst und alle deine inneren Teile Dir diesen Raum gegeben haben.
Liebe Grüße
Roland