52 Stufen und dann Luft holen

von | Feb. 24, 2026

Vor fast genau acht Jahren, mitten in der Nacht, stand ich am Fuß des Adams Peak, dem heiligen Berg Sri Lankas. 5.200 Stufen lagen vor mir. 1.000 Höhenmeter. Sieben Kilometer bis zum Gipfel – und der Sonnenaufgang würde nicht auf mich warten.

Ich hatte Angst. Nicht nur vor dem Aufstieg. Vor allem vor dem Abstieg mit meiner ewigen Sorge zu fallen. Auch davor, dass meine Knie sagen würden: bis hierher und nicht weiter.
Am Vorabend lag ich lange wach. Die Nervosität saß tief. Jeden Schritt bin ich in Gedanken durchgegangen – den Aufstieg, den Abstieg, die Passagen, die mir am meisten Angst machten. Schritt für Schritt. Bis ich irgendwann eingeschlafen war, mit dem Bild des Gipfels vor Augen.

Um ein Uhr morgens fuhr mich ein Tuk-Tuk zum Fuß des Berges. Ich kaufte mir einen heißen Tee, knabberte an einem Müsliriegel. Ein Mönch legte mir ein weißes Bändchen ums Handgelenk und segnete den Aufstieg. Dann ging ich los.

Irgendwann in dieser Nacht habe ich aufgehört, an den Gipfel zu denken. Ich weiß nicht mehr genau, wann. Es passierte einfach. Ich habe angefangen zu zählen. 52 Stufen. Dann stehen bleiben. Durchatmen. Weitergehen. Die Stufen waren alle anders – manche hoch wie kleine Mauern, andere vom Regen ausgewaschen, glatt und unberechenbar. Ich fand meinen Rhythmus. 52 Stufen. Luft holen. Weitergehen.
Nur so bin ich oben angekommen.

Gestern hat Facebook mich daran erinnert. Ich habe lange auf das Foto geschaut – diesen Sonnenaufgang, den kein Bild wirklich festhalten kann – und gespürt, wie sehr ich das gerade brauche.

Ich renne wieder.

Zu viel auf einmal, zu wenig Pause dazwischen. Alles fühlt sich gerade dringend an. Und ich merke, wie es sich stapelt – eines auf das andere – bis ich den Überblick verliere und das Gefühl entsteht, viel zu tun und trotzdem nicht wirklich voranzukommen.

Mein Liebster hat das neulich auf den Punkt gebracht. Er meinte, er wolle für mich einen 36-Stunden-Tag beantragen. Ich musste lachen. Und gleichzeitig hat es mich getroffen. Weil es so genau stimmt. Weil ich tatsächlich manchmal so lebe, als hätte der Tag mehr Stunden als er hat.

Die Erinnerung von vor acht Jahren trifft mich deshalb heute anders. Sie kommt nicht als schöne Geschichte aus vergangenen Zeiten. Sie kommt als Hinweis. Als leises, aber deutliches Klopfen von innen: Du weißt, wie es geht. Du hast es schon einmal getan.
52 Stufen. Dann Luft holen.

Angekommen auf dem Gipfel des Adams Peak hörte ich, wie die Menschen eine Glocke läuten. So oft, wie sie schon hier waren. Manche kommen jedes Jahr und glauben, dass jeder Aufstieg ihnen ein zusätzliches Lebensjahr schenkt. Kurz vor sechs Uhr färbte sich der Himmel rot. Die Mönche begannen zu singen. Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich stand ganz still und schaute mich um. Riesige Seen glitzerten in der Ferne, Berge zeichneten sich ab, und ganz hinten am Horizont das Meer.
Dann läutete ich die Glocke.

Ich war nicht besonders mutig gewesen in dieser Nacht. Ich hatte einfach nicht aufgehört. Stufe für Stufe. Immer wieder Luft geholt. Immer wieder weitergemacht. Und irgendwann war ich dort, wo ich hinwollte. Das funktioniert auf dem Berg genauso wie im Alltag – auch wenn ich mich immer wieder neu daran erinnern muss. Auch heute noch.

Ich frage mich heute, wo ich gerade meine 52 Stufen vergesse. Wo ich den Rhythmus verliere, weil ich zu weit nach vorne schaue. Wo ich zu viel auf einmal will.
Und vielleicht kennst du das auch. Dieses Gefühl, viel unterwegs zu sein – und irgendwie trotzdem nicht anzukommen.

52 Stufen. Dann durchatmen. Weitergehen.

Über diese Nacht am Adams Peak – was mich wirklich angetrieben hat, was ich auf dem Weg nach oben über Angst und Mut gelernt habe – schreibe ich ausführlich in meinem Buch. Vielleicht ist es auch dein Berg.

Wo verlierst du gerade deinen Rhythmus – und wann erinnerst du dich ans Luftholen?

Wenn du magst, schreib mir. Vielleicht wird deine Geschichte Teil eines der nächsten Artikel.
Und wenn du mehr über meinen Weg lesen möchtest, findest du mein Buch hier oder in der Buchhandlung deines Herzens.

Alles Liebe
Deine Yvonne