43 Jahre später
43 Jahre ist es her. Ich sitze auf der Leipziger Buchmesse. Ich bin 15 Jahre alt und zum ersten Mal allein hier. Bücher sind meine Welt, hier fühle ich mich aufgehoben. Beim Lesen vergesse ich Zeit und Raum und hier im Messehaus am Markt kann ich mein Glück gar nicht fassen, von so vielen schönen Büchern umgeben zu sein.
Am Stand eines mir völlig unbekannten Verlages bleibe ich hängen. Es ist laut um mich herum. Stimmen, Schritte, Bewegung.
Vor mir liegt ein Buch. Es ist „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Das Cover fasziniert mich und ich nehme das Buch in die Hand. In der DDR kann man dieses Buch nicht kaufen. Hier kann ich es lesen.
Ich beginne.
Am Anfang nehme ich noch wahr, was um mich herum passiert. Menschen gehen vorbei. Irgendjemand spricht mich kurz an. Ich nicke, ohne wirklich hinzuhören. In meinem Inneren wird es still.
Ich tauche immer tiefer in diese Geschichte ein. Die Messe verschwindet. Die Zeit verschwindet. Ich bin nur noch dort, in dieser anderen Welt – in Phantásien. Ich weiß nicht, wie viele Stunden vergehen. Es spielt keine Rolle. Was bleibt, ist dieses Gefühl: Dass ein Buch dich mitnehmen kann. Dass es dich erreicht, ohne dass du es geplant hast.
Die Leipziger Buchmesse wird für mich zu einem Ort, an den ich immer wieder zurückkehre.
Jahre später arbeite ich beim Reclam-Verlag. Bücher gehören zu meinem Alltag. Sie werden selbstverständlich, genau wie die Buchmesse.
Die Wende verändert vieles, außer meine Liebe zu Büchern. Ich verlasse den Verlag, meine Besuche auf der Buchmesse werden seltener.
Doch 2019 bin ich wieder hier. Ich gehe durch die Hallen, bleibe stehen und schaue. Nehme Bücher in die Hand und lege sie wieder zurück. Es sind so viele. Mehr, als ich erfassen kann. Ich merke, wie sich etwas in mir verändert. Es ist kein Staunen wie früher. Es ist eher ein Gefühl von Enge.
Ich sehe all diese Bücher – und irgendwo dazwischen taucht ein Gedanke auf, der sich nicht mehr abschütteln lässt:
Warum sollte ausgerechnet noch Platz für mein Buch sein?
Seit einigen Jahren ist dieser Wunsch unbändig stark in mir, mein Buch zu schreiben. Doch wenn ich hier durch die Hallen streife, frage ich mich: Ist nicht vielleicht alles schon aufgeschrieben? Ich spreche diesen Gedanken nicht aus. Aber er ist da.
Ich gehe weiter durch die Hallen. Schaue mir alles an. Und gleichzeitig ziehe ich mich innerlich ein Stück zurück. Als hätte ich mir selbst gerade eine Grenze gesetzt. Ich fahre nach Hause, der Gedanke hat sich in mir festgesetzt.
Sechs Jahre vergehen. Die Sehnsucht nach dem eigenen Buch bleibt.
Ich komme immer wieder an den gleichen Punkt. An dieses Zögern. Dieses Abwägen. Dieses Warten darauf, dass es irgendwann passt.
Doch dann höre ich auf, darauf zu warten. Im Mai 2025 fange ich an zu schreiben. Schritt für Schritt. Ohne zu wissen, wo es hinführt.
Heute denke ich wieder an diesen Moment zurück: an das Mädchen, das auf der Leipziger Buchmesse sitzt und liest. Und alles um sich herum vergisst.
In wenigen Tagen werde ich wieder dort sein. Ich werde durch die Hallen gehen. Zwischen all den Büchern. Und ich werde an einem der Stände stehen.
Diesmal nicht als Besucherin. Sondern mit meinem eigenen Buch in der Hand. Veröffentlicht im Lebensgeschichten Verlag.
Der Gedanke von damals ist nicht verschwunden. Aber er hat seine Macht verloren.
Es geht nicht darum, ob irgendwo Platz ist.
Es geht darum, ob ich bereit bin, meinen einzunehmen.
Was wäre möglich, wenn du aufhören würdest zu warten, bis es passt?
PS: Falls du auf der Leipziger Buchmesse bist – komm gern vorbei. Ich würde mich freuen, dich zu sehen. Du findest mich am Stand des Bundesverbandes junger Autoren, Halle 5 – Stand G505: Freitag, 21. März 2026, 14–16 Uhr und Sonntag, 23. März 2026, 16–18 Uhr.
Wenn du magst, schreib mir. Vielleicht wird deine Geschichte Teil eines der nächsten Artikel.
Und wenn du mehr über meinen Weg lesen möchtest, findest du mein Buch hier oder in der Buchhandlung deines Herzens.
Alles Liebe
Deine Yvonne